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Leise Hoffnung

Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlt sich die Luft nicht mehr schwer an, sondern erträglich. Kühl streicht sie über meine Haut, fast vorsichtig. Ich sitze auf der Couch auf meinem Balkon. Ich nehme mir eine Zigarette aus der halb leeren Schachtel vor mir, zünde sie an und lausche dem leisen Knistern.  Ein Blick auf die Uhr verrät mir – 4:58 Uhr. In dem Haus vor mir gehen die ersten blassen Lichter an. Ich jedoch habe die ganze Nacht kein Auge zugedrückt. Ich habe viel nachgedacht. Über alles. So viel, dass sich mein Kopf jetzt gleichzeitig leer und wund anfühlt. Genau wie meine Augen, die vor Müdigkeit brennen. Erschöpft puste ich den Rauch aus meinen Lungen. Meine Schultern hängen schwer, als würden sie etwas Unsichtbares tragen. Meine Finger sind kalt und leicht taub.  

Obwohl ich mich scheiße fühle, fühle ich mich weniger scheiße als sonst. Als wäre heute etwas anders, und das spüre ich. Als würde sich irgendwo tief in mir leise etwas verschieben. Aus der Ferne höre ich vereinzelte Autos über den noch feuchten Asphalt fahren, erste Vögel beginnen zaghaft zu singen. Noch ist alles dumpf und farblos. Der Tag fängt still an, doch für mich ist er gerade vorbeigegangen.

In dieser Nacht habe ich viel nachgedacht und diesmal auch viel verstanden. Es muss sich nicht immer alles gut anfühlen, und das wird es auch nie. Es wird schlechte Tage geben, genauso wie gute. Manchmal ziehen sie sich endlos, aber das ist okay. Man hört das oft, doch jetzt habe ich es wirklich begriffen: Es ist okay, nicht okay zu sein.

Ich nehme den letzten warmen Zug der Zigarette, bevor ich sie ausmache. Ich atme die Luft noch ein letztes Mal tief ein, und zum ersten Mal fühlt es sich nicht mehr nach Überleben an, sondern nach Ankommen. Die Luft ist frisch, unberührt, als hätte sie noch niemand eingeatmet. Das liebe ich am Morgen. Diese klare, stille Frische. 

Ich lege mich unter die Decke. Obwohl ich schon die ganze Nacht unter ihr lag, fühlt sie sich jetzt weicher und wärmer an. Schwerer als zuvor, aber angenehm – beschützend. Die Matratze passt sich meinem müden Körper sofort an und gibt endlich nach. Es ist, als würden sanfte Gewichte an meinen Augenlidern ziehen. Ich habe noch Platz für einen letzten Gedanken, bevor ich endlich meine Augen schließen kann. Nicht alles ist leicht, aber es ist nicht mehr nur schwer. 

Beitragsbild: StockCake-Hier_wächst_Hoffnung.

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Brandmal

Hinweis: Dieser Text thematisiert sexuelle Gewalt und Selbstverletzung. Bitte lies ihn nur, wenn du mit solchen Themen umgehen kannst und dich gerade stabil genug fühlst.

Das Wasser war glühend heiß. Es prasselte auf meine Haut, brannte sich in mich hinein. Aber ich fühlte nichts. Nichts außer deinen Händen. Sie waren überall – auf meiner Brust, meinen Oberschenkeln, in meinem Gesicht. Meine Augen füllten sich mit Tränen, alles, was ich sah, war verschwommen. Und doch schrubbte ich, immer weiter, immer härter. Bis meine Haut aufriss, bis mein ganzer Körper voller Wunden war. Ich wollte dich von mir abwaschen. Dich aus mir kratzen. Aber du klebtest an mir, wie ein Schatten, wie eine zweite Haut.  

Dann fühlte ich es. Das kochend heiße Wasser, verbrannte mich. Ich stand in Flammen. Aber deine Hände – sie blieben. Genauso wie die Angst. Genauso wie die Hilflosigkeit. Und trotzdem hörte ich nicht auf, meine Haut blutig zu kratzen. Es brachte nichts. Nichts konnte dich vertreiben. Es gab nur noch diesen einen Gedanken: vergessen. Nicht weil ich nicht leben wollte, sondern weil mir das Leben genommen wurde. Nicht auf einmal. Sondern Stück für Stück. 

Ich war ein Kind und du warfst mich ins Feuer. Ohne Erbarmen. Ohne Reue. Hauptsache, deine Lust war gestillt. 

Die Jahre sind vergangen. Doch noch immer spüre ich dich. Deine Hände. Es ist wie ein Fluch, der kein Ende kennt. Sag mir – war es das wert? Hattest du Spaß? 

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Du wirst deinen Weg gehen